Leseprobe:

 

...„Warte, Jonas, ich meinte es doch nicht so, ich meinte ja nur...“, aber da war Jonas schon aus dem Haus heraus. Der alte Mönch sah ihm traurig nach, aber er unternahm nichts, um ihn aufzuhalten. Er blieb weiterhin auf dem Hocker sitzen. Jetzt knirschte der Kies unter Jonas Sohlen, als dieser laut fluchend durch die Hecke den Hof verließ.  

Bergmann erschien kurze Zeit später in der Küche und setzte Wasser auf. Keiner der beiden Männer sagte etwas. Lösch bereitete einen Tee. Baptisté nahm den Becher, den ihm der Arzt reichte. Sie tranken beide und schlürften so gegen das lähmende Schweigen an. Dann begann Bergmann: „Ich glaube, du hättest ihm folgen sollen, Michel. Ist gefährlich dort droben, vielleicht sogar am Tage.“ 

„Ich weiß auch nicht, was in mich gefahren ist. Jonas hat ja recht, er muss selber wissen, wann er wo sein will. O Gott, es ist dieser Fluch oder dieses Dorf, das uns Dinge sagen lässt, die wir besser nicht sagen sollten. Aber Lösch, ich könnte ihm nicht folgen, selbst wenn ich es wollte. Ich kann nicht mehr laufen, verstehst du, mein Fuß ist wie taub. Seit einigen Tagen geht das schon so und es wird schlimmer.“ Dann etwas später: „Wieso fragst du mich das eigentlich? Du hast doch eben geschlafen?“ 

„Nun, ihr wart ziemlich laut... besonders du... Aber was anderes, zieh doch mal den Schuh aus, ich möchte mir das mal ansehen, alter Freund.“ 

Baptisté tat, was ihm gesagt wurde. Doch als er den Stiefel versuchte anzupacken, tanzte ein Heer schwarze Punkte vor seinen Augen auf. Er taumelte und konnte sich gerade noch an Bergmann Schulter festhalten, sonst wäre er vom Stuhl geglitten. Lösch holte sich einen Hocker heran und legte Baptistés Bein vorsichtig darauf. Blut suppte jetzt von dem Stiefel auf den Schemel und zog schnell in das verwitterte Holz der Oberfläche ein.  

„Wie lange hast du das jetzt, sagtest du, Michel?“ 

„Es begann, kurz bevor wir aus Urtingen weg sind. Ich meine, ich hatte davor schon etwas am Fuß, doch das jetzt, das ist irgendwie anders. Ich kann es dir nicht genauer beschreiben. Es wohl aber auch `ne Verstauchung.“ 

„Verstauchung“, wiederholte der Arzt. „Wie das lange ist das her? Ich meine, wie viele Tage genau?“ 

„Na, vielleicht sind´s jetzt zehn oder zwölf Tage einschließlich heute. Aber so richtig schlimm ist es erst seit gestern.“ 

Sein Blut ist viel zu dunkel, dachte Bergmann, das ist ja schwarz wie die Nacht. Normalerweise ist das Blut eines Menschen deutlich heller und auch nicht so sämig und zerklumpt wie das seinige hier. Das ist alles andere als gut. Aber zu Baptisté sagte er, er solle sich man keine Sorgen machen und er hätte schon weitaus schlimmere Sachen als dieses hier gesehen. Bergmann versuchte nun, den Stiefel zu lösen. Baptisté schrie auf.  

„Verdammt“, brüllte er, das tut so weh! Arghh! Bist du ein Arzt oder bist du ein Henker?“ 

„Henker!“  

Lösch zog vorsichtig weiter. Unkontrollierte Zuckungen durchliefen den Körper des Mönches. Sein Atem kam erst stoßweise, dann stockend. Von Bergmanns Händen und Unterarmen triefte längst Baptistés Blut, doch der Schuh saß einfach zu fest und rührte sich nicht. Dann verlor der Mönch das Bewusstsein. Lösch prüfte seinen Puls und ging dann zum Nebenbau seines Hauses. Er holte dort einen Stuhl mit angeschraubten Schienen. Auf diesen legte er den Mönch mehr als das er ihn setzte und schob ihn dann quer durch einige Zimmer bis in den Behandlungsraum, in dem er Patienten, wenn denn mal welche kamen, zu untersuchen pflegte.  

Bergmanns Haus war im Grunde ein Hof und als Arztpraxis ideal. Früher hatten die Vorbesitzer das Nebenhaus, das direkt an das Wohnhaus angrenzte, als Stall genutzt und Lösch hatte, als er den Hof kaufte, um sich hier mit seiner Frau niederzulassen, diesen Teil zu einem Behandlungsraum ausgebaut. Der Raum war groß und hell von dem Haupthaus nur durch eine Tür abgetrennt. Ein Schreibtisch, einige Medikamenten- und Utensilienschränke und, durch eine spanische Wand getrennt, ein Behandlungstisch befanden sich dort. Sie waren damals sehr stolz gewesen, als sie den Raum fertig eingerichtet hatten. Siegrid hatte immer schon ein Auge dafür gehabt, Zimmer in kürzester Zeit wohnlich, aber auch praktisch einzurichten. Sie tanzte und sang dabei und man sah ihr förmlich an, dass sie in dieser Arbeit aufging. Wenn sie in einem späteren Jahrhundert geboren worden wäre, so wäre sie sicher Innenarchitektin oder etwas Ähnliches geworden. Doch sie wurde am Anfang des 18. Jahrhunderts geboren und so blieb ihr nichts weiter übrig, als ihre Talente zuhause als Heimchen am Herd verkümmern zu lassen. Ob ihre Lungenkrankheit, an der sie damals verstarb, etwas damit zu tun hatte, ist sicher schwer zu sagen, aber Lösch hatte nichts für sie tun können, und er gab sich die Schuld an ihrem Tod. Und mit diesem Gefühl der eigenen Unfähigkeit zerbrach auch sein Glauben an eine gerechte Welt oder an einen gerechten Gott.  

Dieser Anbau wurde fortan zu einem Ort der Vergangenheit; ihrer gemeinsamen Vergangenheit: Einem Ort, der ihm jedes Mal, wenn er ihn zu betreten vermochte, aufzeigte, wie seine Zukunft vielleicht hätte anderes verlaufen können, wenn...ja wenn...Doch nun war dieser Raum auch verwahrlost und mit Schimmel und Staub überzogen wie der ganze Rest des Anwesens auch.

 Lösch legte den bewusstlosen Baptisté auf den Behandlungstisch. Vorsichtig trennte er das Leder des Schuhes auf und sah sich das blutende Etwas von einem Fuß genauer an. Es hatten sich dort mehrere Eiterbeulen gebildet, die zumeist aufgeplatzt waren. Wie viele, konnte der Arzt nur vermuten. Vielleicht ein Dutzend oder auch mehr. Dann hatte sich das Ganze wohl ständig weiter im Schuh entzündet und aus einem Fuß einen blutigen Stumpen werden lassen. Lösch drehte die Reste des Stiefels in seinen Händen hin und her und ließ Blut und all die anderen sich darin befindenden Flüssigkeiten auf den Fußboden regnen. Die Farbe und Konsistenz des Blutes passten nicht zu dem diagnostizierten Krankheitsbild. Außerdem, dachte Lösch, hätte Baptisté mit so einem Fuß schon seit Wochen nicht mehr laufen können. Nein, die Sache lag hier anders und die Totenstarren, wie er sie nannte, kamen ihm wieder in Erinnerung. Sollte Baptisté auch davon befallen sein? Nicht unwahrscheinlich, dachte er, aber er hoffte inständig, dass dem nicht so sei, doch gewettet hätte er darauf gewiss nicht.  

Er holte aus der Schublade hinter ihm ein Skalpell. Es war mit Staub bedeckt. Er wischte es an seinem Ärmel ab und desinfizierte es an einer brennenden Kerze. Dann öffnete er eine der Beulen an der Ferse, die bisher noch geschlossen gewesen war. Zuerst kam nur etwas Eiter aus der Wunde, dass ist normal, dachte Bergmann, doch dann kam Blut. Viel Blut. Es war genauso schwarz wie das aus dem Stiefel. Es spritze bis zu ihm hoch. Er nahm einen tiefen Atemzug, wischte es sich so gut, wie es ging, wieder ab und führte die Klinge dann tief in die Wunde ein. Dort drehte sie einige Male herum. Ein weiterer Schwall Blut verließ die eitrige Beule und tropfte teilweise über den Behandlungstisch hinweg bis auf den Boden. Dann fing Baptistés rechter Fuß an zu zittern. Das war für einen Bewusstlosen doch recht ungewöhnlich, fand Lösch. Er drehte Klinge noch einmal herum und entfernte sie aus der Ferse. Dann schaute er sich die Schneide an. Seine schlimmsten Vermutungen, fanden sich hierauf bestätigt. In dem Blut befanden sich, schon mit bloßem Auge gut erkennbar, kleine, sich windende Einschlüsse, vergleichbar mit denen der anderen Infizierten.

Lösch war sich nun sicher, dass auch der Mönch von der geheimnisvollen Seuche befallen war und es gab im Grunde nichts, was er für ihn hätte tun können...