Artikel aus der Gefangenenzeitschrift 'Blickpunkt':

Ausgabe 1/2007

Hamburg-Mexiko-Austalien-Husum / mit dem Wortwerk Hamburg auf Lesereise. Wann können wir schon eine Reise über drei Kontinente erleben, ohne vorher einen Bahnhof oder einen Fughafen betreten zu haben? Für die Insassen von Haus I wurde diese Reise Wirklichkeit - wenn auch „nur“ in der Form einer Lesereise mit drei Schriftstellern vom WORTWERK Hamburg. Die Idee, Autoren in die JVA Fuhlsbüttel einzuladen und sie aus ihren eigenen Werken lesen zu lassen, hatte Dieter G., Insasse von Haus II. Das WORTWERK reagierte promt mit einer Zusage, und so konnte am 26. Januar die erste Autorenlesung in der JVA in Zusammenarbeit des „culture club santa fu“ mit „KIK-Kultur im Knast“ steigen.Das WORTWERK ist eine Vereinigung von 7 Autoren, die nicht schreiben, um davon ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Sie sind vielmehr “Amateure“ von hoher Professionalität, die aus Vergnügen und mit großer Liebe zum Wort zur Feder greifen. Und die Einstellung wurde für alle Anwesenden schnell hör- und spürbar.Den Beginn machte Yvonne Naumann mit einem Auszug aus ihrem Buch „Aron und Marie“. Zu hören war die Geschichte einer zaghaften Liebe zwischen der selbstbewußten Hamburgerin Marie zu Aron,der im Süden der Republik zu Hause ist. Beiden gemeinsam ist die Liebe zur Malerei, aber in ihrer Beziehung gibt es zunächst ein Hindernis zu überwinden: Jan, Arons eifersüchtigen und anfangs sehr aufsässigen Sohn. Aber Marie weiß ihn zu nehmen - und dabei spielen auch profunde Kenntnisse über die technischen Feinheiten von Motorrädern eine nicht unwichtige Rolle...„Panamericana Central“ heißt der Titel des Buches, mit dem Jens Freyler seine Zuhörerschaft anschließend nach Mexiko entführte und eine turbulente Einkauftour über die Dörfer schilderte – aus eigenem Erleben erzählt und vorgelesen. Da gab es ein Schnäppchen in der kleinen Seitengasse: einen Pullower aus garantiert reiner Wolle für lächerliche 300 Pesos. Gesehen und gekauft! Nur zu gebrauchen war und ist das gute Stück bis heute nicht, denn es ist überaus kratzig und wird einfach seinen Schafgeruch nicht los. Wir Zuhörer konnten uns selbst davon überzeugen, denn Jens Freyler hielt es jedem Interessieren gern unter die Nase und ließ es ausgiebig befühlen. Weiter ging seine Reise – ebenfalls aus dem – nach Australien, wo „der weiße Mann im Loch“ wohnt; so bezeichnet von den Ureinwohner des Kontinents, den Aboriginis, die damit sehr kurz und anschaulich denjenigen weißen Einwohnern einen Namen gaben, die allerorts mannstiefe Löcher in den Boden gruben – auf der Suche nach Edelsteinen, vornehmlich Opalen.

Der dritte Autor Wolfgang A. Gogolin schlug einen großen Bogen zurück nach Europa, genauer: nach Deutschland, noch genauer: nach Husum, der grauen Stadt am grauen Meer (so Theodor Storm). Wer bisher nicht wissen konnte, was „Mann“ von einer indischen Ayuveda-Massage a la Husum für 90 Euro im Wellness Hotel einer schleswig-holsteinischen Kreisstadt zu erwarten hat, wurde vom Autor auf einmalig humorvolle Weise darüber aufgeklärt. Mehr soll an dieser Stelle gar nicht verraten werden...Ebenfalls aus seinem Buch „Beamte und Erotik“ las der Autor dann die gänzlich unerotische Geschichte vom unbeamteten Opa Hermann, der sich zu Ende seines irdischen Daseins, tiefe Gedanken darüber macht, welches wohl seine letzten Worte vor dem Ableben sein könnten, und ob sie womöglich würdig in einer Reihe stünden mit denen berühmter Vorgänger kurz vor ihrer Reise ohne Wiederkehr – beispielsweise Goethe, der mit seinem letzten Atemzug „mehr Licht“ verlangt haben soll. Aber bei Opa Hermann kam es dann ganz anders...Alle Anwesenden dieser hochunterhaltsamen Autorenlesung (leider erschienen nur 17 Insassen) kamen voll auf ihre Kosten, was der zum Schluß herzliche und begeisterte Applaus deutlich machte. Ein persönlicher Dank einiger Insassen mit Handschlag für die Autoren am Ende der einstündigen Verantstaltung sind wohl eine klare Aussage: Sie war ein voller Erfolg!Die drei Autoren hatten sogar noch ein Gastgeschenk für das Haus I mitgebracht: Sie spendeten spontan die Bücher, aus denen sie gelesen hatten, und noch einige weitere eigene Werke für die hauseigene Bücherei. Danke dafür auch auf diesem Weg! Auf das Angebot des WORTWERK Hamburg, im Herbst erneut für eine Autorenlesung nach Fuhlsbüttel zu kommen, gibt es nach der Verantstaltung am 26. Januar nur eine Antwort: Jederzeit herzlich willkommen! K.M.